Das Institut für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen hat in Zusammenarbeit mit Südtirols Landesinstitut für Statistik ASTAT eine Studie durchgeführt, um die Bevölkerung zur Akzeptanz von KI in der Gesundheitsversorgung zu befragen. Trotz bestehender Bedenken und Skepsis zeigen sich die Bürger:innen insgesamt offen gegenüber dem Einsatz von KI im Gesundheitswesen – vor allem dann, wenn ein persönlicher Nutzen erkennbar ist und KI als Unterstützung für das Gesundheitspersonal eingesetzt wird.
Eckdaten zur Erhebung
▶ Erhebungszeitraum: 1. Februar – 6. März 2026 | Stichprobe: 901 Erwachsene (≥18 Jahre) mit Wohnsitz in Südtirol
▶ Probabilistisches Panel, geschichtet nach Geschlecht, Wohnort und Alter | Rücklaufquote: 75 %
▶ Auftraggeber: Institut für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen | Durchführung: Landesinstitut für Statistik ASTAT
Drei Kernbefunde der Erhebung
- 47 % der Bürger:innen befürworten grundsätzlich den Einsatz von KI zur Unterstützung der eigenen Gesundheitsversorgung.
- 49 % sind der Ansicht, dass KI in der Patientenversorgung die Gesundheit der Bevölkerung verbessern kann.
- 75 % halten den KI-Einsatz bei der Planung und Organisation von Arztterminen für sinnvoll.
Fragen an Dr. Dietmar Ausserhofer, Leiter der Studie

Welches Studienergebnis hat Sie am meisten überrascht?
Dr. Dietmar Ausserhofer: „Viele Südtirolerinnen und Südtiroler nutzen KI schon regelmäßig: Fast die Hälfte (46 %) verwendet sie mehrmals pro Woche oder sogar täglich. Etwa die Hälfte befürworten den Einsatz von KI in der Gesundheitsversorgung (47 %) und denken, dass KI die Gesundheitsversorgung verbessern wird (49 %).“
Wann und warum verwenden die Südtiroler die KI im Gesundheitskontext?
Ausserhofer: „Diese Frage können wir (leider) nicht anhand unserer Ergebnisse beantworten. Wir wissen aus internationalen Untersuchungen, dass etwa 20–30% der Bevölkerung KI (z.B. ChatGPT, Gemini, Claude) für Gesundheitsfragen nutzen, Tendenz steigend. So stellen wöchentlich bereits jetzt mehr als 230 Millionen Menschen weltweit ChatGPT Fragen zum Thema Gesundheit.“
Was bringt die KI den Patienten im Alltag?
„KI ist bereits zu einem ,unsichtbaren‘ Begleiter im Gesundheitswesen geworden. Sie wird häufig in der Medizintechnik eingesetzt, zum Beispiel bei bildgebenden Verfahren (Magnetresonanz) oder bei Operationsrobotern. Viele Patientinnen und Patienten wissen dabei gar nicht, dass die KI im Hintergrund mitarbeitet, profitieren aber schon heute von genaueren Untersuchungen und Behandlungen. In unserem Alltag spielt KI eine Rolle, etwa in Smartwatches, die mithilfe von KI Herzrhythmusstörungen mit hoher Genauigkeit erkennen können. Zudem kann KI als eine Art ,Übersetzerin‘ dienen, indem sie Gesundheitsinformationen zu Krankheiten oder Symptomen in einfacher Sprache erklärt. Für die Selbstdiagnose ist sie jedoch nicht geeignet.“
Wo liegen die größten Vorbehalte gegenüber der KI?
Ausserhofer: „Vorbehalte aus Sicht der Südtiroler Bevölkerung liegen in der Befürchtung, dass der Mensch durch den Einsatz von KI zu wenig Kontrolle behält (45 %), weshalb auch noch eine gewisse Skepsis gegenüber Fachpersonen besteht, welche KI verwenden (32 %). Weniger akzeptiert wird KI in Bereichen der Gesundheitsversorgung, in denen der Bevölkerung der direkte Kontakt mit Fachpersonen wichtig ist. Dazu gehören zum Beispiel die Aufklärung und Beratung zu Krankheit oder Behandlungen, sowie Entscheidungen in medizinischen Notfällen. In solchen Situationen wünschen sich die Menschen weiterhin den persönlichen Kontakt mit Fachpersonen.“
Fragen an Dr. Doris Hager-Prainsack, Institutspräsidentin

Greifen Patienten vermehrt auf „Frau Dr. KI“ zurück?
Dr. Doris Hager-Prainsack: „Fast die Hälfte der Südtiroler Bevölkerung steht dem Einsatz von KI in der Gesundheits-versorgung grundsätzlich positiv gegenüber. 46 % nutzen KI bereits mehrmals pro Woche – auch für Gesundheitsfragen. KI ersetzt dabei nicht den Arzt, aber sie wird zunehmend als erste Anlaufstelle genutzt. Das ist eine Realität, der wir uns als Gesundheitssystem stellen müssen.“
Wie kann die KI die Arbeit der Ärzte für Allgemeinmedizin konkret unterstützen?
Hager-Prainsack: „Die Studienergebnisse zeigen eine hohe Akzeptanz für administrative und organisatorische Aufgaben, was die Primärversorgung entlasten kann. Die Bevölkerung sieht den größten Nutzen dort, wo die KI Routineaufgaben übernimmt: Terminorganisation, Dokumentation, automatische Medikamentenerinnerungen. Diese Anwendungen können das Praxisteam entlasten und somit mehr Zeit für das, was wirklich zählt, schaffen – das Gespräch mit dem Patienten. KI kann so dazu beitragen, dass Ärzte wieder mehr Arzt sein können.“
Wo müssen klare Grenzen beim Einsatz von KI gezogen werden?
Hager-Prainsack: „Die Befragten sagen deutlich: Bei zeitkritischen Entscheidungen und in Notfallsituationen wollen die Menschen einen Menschen an ihrer Seite, keinen Algorithmus. Nur 28 % akzeptieren KI bei dringenden medizinischen Entscheidungen. Die Grenze liegt dort, wo Erfahrung, Empathie und Verantwortung gefragt sind – und die bleibt beim Fachpersonal.“
Welche Handlungsempfehlungen leiten Sie aus den Studienergebnissen ab?
Hager-Prainsack: „Erstens: Mit einfachen, alltagsnahen Anwendungen beginnen, wo die Akzeptanz bereits hoch ist. Zweitens: Offen kommunizieren, wie KI eingesetzt wird und wer die Verantwortung trägt 44 % befürchten einen Verlust menschlicher Kontrolle. Diese Sorge ist ernst zu nehmen. Drittens: Menschen, die der KI mit Skepsis begegnen, gezielt begleiten. Gesundheitliche Chancengleichheit gilt auch im digitalen Zeitalter.“
Wichtig zu wissen: Die einzelnen Artikel des Gesundheitsblogs des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen werden nicht aktualisiert. Ihre Inhalte stützen sich auf Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Belege, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verfügbar sind. Gesundheitsinformationen aus dem Internet können eine persönliche ärztliche Beratung nicht ersetzen. Informieren Sie Ihre Ärztin/Ihren Arzt für Allgemeinmedizin über mögliche Beschwerden. Weiter…
