Die Grippesaison 2025/26 hat in Italien und Österreich früh begonnen und breitet sich rasch aus. Vor allem bei Kindern nehmen Atemwegsinfektionen deutlich zu. Auch in Südtirol melden Kinderärztinnen und Kinderärzte mehr Erkrankungen, teils mit hohem, länger anhaltendem Fieber und in einzelnen Fällen so schwer, dass Kinder im Spital behandelt werden müssen. Univ.-Prof. Dr. Christian Wiedermann, Forschungskoordinator des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen, ordnet die Grippewelle wissenschaftlich ein.

Die Grippesaison 2025/26 hat in Italien und Österreich früh und dynamisch begonnen. Aktuelle Daten des nationalen RespiVirNet-Systems zeigen einen deutlichen Anstieg akuter Atemwegsinfektionen, besonders bei Kindern, und eine zunehmende Dominanz des Influenza-A(H3N2)-Subtyps. Auch in Südtirol melden Kinderärztinnen und Kinderärzte eine wachsende Zahl an Fällen, darunter lang anhaltendes Fieber und vereinzelt Komplikationen, die einen Aufenthalt im Krankenhaus notwendig machen.
„Die öffentliche Diskussion ist entsprechend lebhaft: Medienberichte fokussieren auf überlastete Notaufnahmen, Eltern äußern Verunsicherung über den richtigen Umgang mit fiebernden Kindern, und im Gesundheitswesen rücken Fragen nach Prävention und Impfungen wieder stärker in den Vordergrund. Gleichzeitig ist die Impfbereitschaft in Südtirol weiterhin niedrig – mit besonderen Konsequenzen für die öffentliche Gesundheit“, sagt Univ.-Prof. Dr. Christian Wiedermann, Forschungskoordinator des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen
Vor diesem Hintergrund stellen sich einige zentrale Fragen:
- Wie ist die epidemiologische Lage einzuordnen?
- Welche Viren zirkulieren tatsächlich?
- Wer profitiert am meisten von einer Impfung – und wie sicher sind diese Impfungen, insbesondere bei Kindern und Schwangeren?
- Welche Rolle übernimmt Südtirols Allgemeinmedizin am Beginn einer Winterwelle?
Was sehen wir aktuell – und wie ordnen wir die Grippewelle ein?
In Italien lag die Rate akuter Atemwegsinfektionen in der Woche vom 24. bis 30. November 2025 bei 10,4 Erkrankungen pro 1.000 Personen, mit der höchsten Belastung in der Altersgruppe 0–4 Jahre, die rund 33 Erkrankungen pro 1.000 aufgewiesen hat. In den Einsendungen der Sentinel-Labore sind über 20 % der Proben Influenza-positiv, überwiegend vom Subtyp A(H3N2). In Österreich wurde am 9. Dezember offiziell die Grippewelle ausgerufen.
Für Südtirol gilt:
Die Erwachsenenlage ist in der zweiten Dezemberwoche moderat, doch in der Pädiatrie wird ein klarer Anstieg registriert. Es gibt zunehmend Kinder mit hohem Fieber, prolongierten Verläufen und einzelnen neurologischen Komplikationen. Der Höhepunkt der Welle wird rund um Weihnachten erwartet.
Was die Bevölkerung häufig nicht sieht: Auch wenn „Grippe“ oft als allgemeine Erkältung verstanden wird, handelt es sich epidemiologisch um eine eigenständige, klar nachweisbare virale Welle, die alljährlich eine messbare Zusatzbelastung des Gesundheitswesens verursacht.
Epidemiologische Einordnung:
Wir stehen in Südtirol am Beginn der Winterwelle, die derzeit primär Kinder betrifft und sich in den kommenden Wochen wahrscheinlich auf die Gesamtbevölkerung ausdehnen wird.
Was ist eine echte Grippe – und wie unterscheidet sie sich von anderen Atemwegsinfektionen?
Die echte Grippe (Influenza) ist eine plötzlich einsetzende, systemische Virusinfektion mit hohem Fieber, starken Kopf- und Gliederschmerzen und deutlicher Erschöpfung. Diese Symptomkombination ist gut dokumentiert und gehört zu den stabilsten klinischen Merkmalen der Infektiologie. Dennoch können RSV, COVID und weitere Viren ähnliche Beschwerden verursachen, besonders bei kleinen Kindern und älteren Menschen. Klinisch ist eine sichere Unterscheidung ohne Testung oft nicht möglich.
Aktuelle Überwachungsdaten zeigen, dass in Italien neben Influenza vor allem Rhinoviren stark zirkulieren. COVID spielt weiterhin eine Rolle, aber auf niedrigerem Niveau. RSV ist heuer im Durchschnitt weniger präsent – wahrscheinlich eine Folge der breiten Säuglingsprophylaxe.
Klinische Bedeutung:
Für viele Menschen sind Atemwegsinfekte derzeit kaum differenzierbar. Medizinisch entscheidend ist nicht der Erregername. Entscheiden ist, ob ein schwerer Verlauf oder ein besonderes Risiko vorliegt.
Wie gut wirkt der heurige Grippeimpfstoff – und was ist mit der neuen H3N2-Variante?
Die heurige Grippewelle wird überwiegend durch Influenza-A(H3N2) der Subclade K ausgelöst, eine evolutionsbedingte Abwandlung des weltweit zirkulierenden Stamms. Diese Variante verursacht keine schwerere Erkrankung, kann aber die Infektiosität erhöhen und zur frühen Wellenbildung beitragen.
Die gute Nachricht:
Internationale Daten zeigen keine Hinweise auf einen Wirksamkeitsverlust des Impfstoffs hinsichtlich schwerer Verläufe. Zwar kann die Impfung eine Infektion nicht in jedem Fall verhindern – besonders bei leicht Drift-veränderten Varianten, doch sie reduziert:
- schwere Krankheitsverläufe,
- Krankenhausaufenthalte und
- Komplikationen bei Risikogruppen.
Dieser Nutzen ist bei Influenza über Jahrzehnte hinweg gut gesichert – und damit sogar robuster dokumentiert als bei vielen neueren Impfstoffen.

Wer profitiert besonders von der Grippeimpfung – und wie sicher ist sie in Schwangerschaft und Kindheit?
Schwangere
Schwangere haben ein erhöhtes Risiko für schwer verlaufende Influenza. Die Impfung ist seit vielen Jahren umfassend untersucht und gilt als ausgesprochen sicher. Sie schützt die Mutter und überträgt Antikörper auf das Neugeborene, das in den ersten Lebensmonaten selbst nicht geimpft werden kann. Die Evidenz ist mindestens so solide wie jene zur COVID-Impfung – aber länger dokumentiert.
Kinder
Kinder sind die zentrale Treibergruppe der heurigen Welle. Die Impfung ist sicher, gut verträglich und ab 6 Monaten empfohlen. Für 2–6 Jahre steht ein nasaler Impfstoff zur Verfügung, der oft besser akzeptiert wird. Er schützt nachweislich vor schweren Verläufen und reduziert die Viruszirkulation in Familien und Bildungseinrichtungen.
Erwachsene mit Risiken
Dazu gehören Menschen über 60 Jahre, chronisch Kranke, immunsupprimierte Personen und Personen in Pflegeeinrichtungen. Für sie reduziert die Impfung das Risiko eines schweren Verlaufs substanziell.
COVID-Impfung bei Kindern und Erwachsenen
Für Risikokinder („fragili“) ist die COVID-Impfung klar empfohlen. Für gesunde Kinder ist der Zusatznutzen geringer, aber vorhanden, insbesondere wenn sie mit gefährdeten Personen leben. Für Erwachsene bleibt die Impfung ein wichtiger Baustein zur Reduktion schwerer Verläufe.
Die Rolle der Allgemeinmedizin in Südtirol
Südtirols Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmedizin haben in dieser Saison eine zentrale Funktion:
- Triage und Risikoabschätzung: Welche Atemwegsinfektion ist wahrscheinlich? Wer benötigt ärztliche Kontrolle?
- Priorisierung der Impfung: Fokus auf Kinder, Schwangere, ältere Menschen und chronisch Kranke.
- Sicherheitskommunikation: Grippeimpfung in der Schwangerschaft, COVID-Impfung bei Risikokindern, Nutzen-Risiko-Abwägung.
- Belastungssteuerung: Vermeidung unnötiger Notaufnahmen durch Beratung, strukturierte Versorgung und klare Orientierung.
In Südtirol – einer Region mit traditionell niedriger Impfquote – kommt der Allgemeinmedizin zusätzlich die Aufgabe zu, seriöse und verständliche Information bereitzustellen – ohne Alarmismus, aber mit klarer Risikoabschätzung.
Die wichtigsten epidemiologischen Fakten – in der Übersicht
- Influenzaanteil in Italien: >20 % aller getesteten Atemwegsproben.
- Dominanter Subtyp: A(H3N2), Subclade K.
- Höchste Erkrankungsrate: Kinder 0–4 Jahre.
- RSV geringere Aktivität als erwartet.
- COVID mäßig, aber nicht verschwunden – besonders relevant für ältere Menschen.
- Grippewelle in Österreich offiziell bestätigt; in Italien im deutlichen Anstieg.
- Südtirol: Beginn der Welle in der Pädiatrie, erwartete Ausweitung bis Jahresende 2025.

forschungskoordinator des instituts für allgemeinmedizin und public health bozen.
Schlussfolgerung von Prof. Wiedermann
„Die aktuelle Grippewelle ist wissenschaftlich gut dokumentiert und trifft Personen in Südtirol in einer Phase niedriger Immunität, insbesondere bei Kindern und älteren Menschen. Die Situation ist ernst, aber kontrollierbar – vorausgesetzt, die Bevölkerung erhält klare, verständliche und evidenzbasierte Informationen. Die Grippeimpfung bleibt die wirksamste Maßnahme, um schwere Verläufe zu verhindern. Sie ist sicher, auch in Schwangerschaft und Kindheit, und trägt wesentlich zur Stabilisierung des Gesundheitssystems bei. Ergänzend helfen einfache Maßnahmen wie zuhause bleiben bei Krankheit, Lüften und Rücksichtnahme in Innenräumen“, betont Univ.-Prof. Dr. Christian Wiedermann, Forschungskoordinator des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen. „Wer unsicher ist, ob die Impfung sinnvoll ist oder ob ein aktueller Infekt ärztlich abgeklärt werden sollte, sollte sich zunächst an die Hausärztin oder den Hausarzt wenden. In der Saison 2025/26 gilt mehr denn je: Gute Information ist eine zentrale Form der Prävention“, so Prof. Wiedermann.
Wichtig zu wissen: Die einzelnen Artikel des Gesundheitsblogs des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen werden nicht aktualisiert. Ihre Inhalte stützen sich auf Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Belege, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verfügbar sind. Gesundheitsinformationen aus dem Internet können eine persönliche ärztliche Beratung nicht ersetzen. Informieren Sie Ihren Hausarzt oder Ihre Hausärztin über mögliche Beschwerden. Weiter…